200 Tage in Vancouver

Seit 200 Tagen lebe ich nun schon in der 2.5 Millionenstadt Vancouver, mein Name ist Nico Zobrist und ich absolviere momentan ein Austauschjahr von der Kantonsschule in Aarau. In meiner Gastfamilie lerne ich viel über die kanadische Kultur und in der Sir Winston Churchill Secondary School finde ich immer mehr Kolleginnen und Kollegen. 

Die Schule ist hier ganz anders organisiert, ich musste anfangs Schuljahr acht Fächer aus ungefähr 60 verschiedenen Fächern auswählen und besuche deren vier pro Tag. Die Schultage sind kürzer als an der neuen Kanti, sie dauern nämlich nur von 8:40 bis 15:03. Anfangs waren der Unterricht, die vielen Schülerinnen und Schüler (über 2000) und die sehr wenigen Freundinnen und Freunde sehr ungewohnt, inzwischen habe ich mich viel besser daran gewöhnt, gute FreundInnen gefunden und finde Entspannung in vielen Freizeitaktivitäten. Der Unterricht besteht meist aus Frontalunterricht, es gibt viele Tests und das Zeugnis nach einem Trimester bestand aus einer beschreibenden Beurteilung und einem Prozentrang.

Im Winter ist in Vancouver etwas weniger los als im Sommer, es regnet oft und die Temperaturen fallen nie sehr tief. Schnee ist in der Stadt eher ungewöhnlich, als es vor einigen Wochen schneite, bekamen wir von der Schule sogar einen Tag Schneefrei aufgrund des Strassenzustandes. Verglichen mit der Kanti in Aarau kommen sehr viele SchülerInnen mit dem Auto zur Schule, sie werden entweder gefahren oder fahren selbst, das Mindestalter für eine limitierte Autoprüfung liegt bei 16 Jahren. Als Benutzer des öffentlichen Verkehrs verstehe ich das jedoch nicht wirklich, die Busse, ,,Skytrain“ genannte U-Bahn und Fähren nach Nordvancouver fahren in der Stadt regelmässig und schnell. 
In anderen umweltpolitischen Belangen ist Vancouver jedoch sehr vorbildlich, es gibt neben dem 404,9 Hektaren grossen, weltbekannten Stanley Park auch viele weitere Parks und Vancouvers Stadtparlament hat vor wenigen Wochen der Ausrufung des Klimanotstandes zugestimmt. Nun werden neue Massnahmen ergriffen, um den Ausstoss von Treibhausgasen zu reduzieren und damit den Klimawandel zu bekämpfen. 
Vancouver kenne ich inzwischen relativ gut, die Aussicht vom Canada Place, das war Kanadas Pavillon der Expo 86, übers Meer hinweg auf die Berge, gefällt mir sehr gut und auch der FussgängerInnenweg ,,Sea Wall‘‘ um den Stanley Park ist sehr schön. 
Mit meinen Kolleginnen, Kollegen und der Gastfamilie versuche ich jetzt auch die Umgebung von Vancouver besser kennen zu lernen. Bowen Island, das ist eine kleine Insel in einem Fjord, Nordvancouver und Victoria gefallen mir sehr. Victoria ist die Hauptstadt der Provinz British Columbia, bereits 1843 (ja, das ist alt hier) wurde in Victoria ein britischer Handelsposten der Hudson’s Bay Company eröffnet, noch immer wirkt Victoria sehr britisch geprägt. Das Parlamentsgebäude und Empress Hotel, mit seiner traditionellen ,,Tea Time“ oder die riesigen Butchart Gardens sind von Vancouver etwa in 4 Stunden erreichbar. Um Victoria zu erreichen, muss die Fähre genommen werden, denn Victoria liegt am südlichen Ende von Vancouver Island. 
Meine Schulfreunde haben mich auch für ein neues Hobby begeistert, ich habe mit Skitouren fahren angefangen. Die Natur British Columbias ist einzigartig, sehr weitläufig und oft unberührt. Mit den Skiern sind wir z.B. im Garibaldi Provincial Park zu einer nicht bewirteten Berghütte aufgestiegen, in den Sonnenuntergang hinein konnten wir am Abend hoch über dem Tal noch eine Abfahrt machen und am nächsten Tag wieder durch den ewigen Tannenwald hinunter zu einer Forststrasse. 
Auch sonst fahre ich viel Ski, Vancouver besitzt 3 Stadtskigebiete mit Aussicht aufs Meer, die nur etwa eine Stunde von der Innenstadt entfernt sind. Weiter nördlich und ins Land hinein liegt Whistler, während den olympischen Winterspielen 2010 fanden dort etliche Wettkämpfe wie Bobfahren, Langlauf und Ski Alpin statt. Whistler gibt auch an, das grösste Skigebiet Nordamerikas zu sein, die Abfahrten sind sehr lang, zahlreich und teils auch schwierig.

Die Lebensqualität von Vancouver wird als sehr hoch gewertet, die Frage ist jedoch, ob die Lebensqualität von allen Menschen so hoch ist. Einige soziale Probleme sind offensichtlich, so gab es laut Vancouvers Behörden im Jahr 2018 über 2000 Obdachlose. Es ist traurig, Leute vor Hochhäusern, teuren Kaffees und Geschäften auf dem Boden schlafen zu sehen, im Osten der Innenstadt ist die Situation sogar noch angespannter und es gibt eine offene Drogenszene. Auch der Wohnraum in der Stadt ist sehr teuer und man merkt an der öffentlichen Infrastruktur, z.B. in der Schule, dass nicht so viel Geld dafür ausgegeben wird. 
Mein Austauschjahr scheint immer schneller vorbei zu gehen und ich sammle täglich neue Erfahrungen, Wortschatz und Inspirationen. Bis im Juni werde ich jetzt Vancouver und die Region noch weiter erkunden und dann wieder mit vielen neuen Erlebnissen und Geschichten in Aarau anzutreffen sein.